Social Freezing: Kinderwunsch auf Eis gelegt

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Wie wird der optimale Zeitpunkt für die Nachwuchsplanung bestimmt und gibt es heute überhaupt noch den richtigen Zeitpunkt für den Kinderwunsch? Social Freezing soll in dieser Hinsicht helfen und mehr Selbstbestimmtheit bringen, denn durch das Einfrieren von Eizellen kann man diesen Zeitpunkt beliebig verschieben und festlegen.

Wie funktioniert Social Freezing?

Das Social Freezing folgt in der Regel folgendem Ablauf:

  • Hormonbehandlung: Mit einer etwa 10-tägigen Hormonbehandlung wird das Follikelwachstum in den Ovarien stimuliert. Bei Follikeln handelt es sich um Eibläschen, aus denen später die Eizellen entstehen.

  • Eizellentnahme: Im Idealfall werden etwa 10-15 Eizellen nach einmaliger Hormonbehandlung mittels Punktion über die Vagina entnommen. Das bedeutet, dass die Eierstöcke mit einer Nadel angestochen werden, um die benötigten Eizellen einzusaugen zu können.

  • Untersuchung der Eizellen: Daraufhin erfolgt eine qualitative Untersuchung der Eizellen, denn nur gesunde Eizellen sollen später zum Einsatz kommen.

  • Kryokonservierung: Bei der Kryokonservierung werden die Eizellen eingefroren und damit konserviert, damit man sie für einen späteren Gebrauch lagern kann. Dies ist ein sehr zeitaufwendiger Prozess, der die Zelle schädigen und die Überlebenschancen des Kindes beeinträchtigen kann. Deshalb greift man heutzutage lieber auf die Methode der Vitrifikation zurück, bei der bestimmte Lösungen verwendet werden, um die Eiskristallbildung in den Zellen zu verhindern. Die Eizelle wird dabei in flüssigen Stickstoff getaucht und damit blitzschnell bei einer Temperatur von -196°C eingefroren. Alle chemischen und biologischen Prozesse der Zelle werden damit aprubt angehalten. Bei Bedarf taut man die Eizelle auf. So bleiben die Zellen in 80-95% der Fälle unversehrt und bewahren ihre Funktion. Ein großer Nachteil ist jedoch, dass bei der Einfrierung diverse Gefrierschutzmittel verwendet wird, die für die Zelle giftig sein können.

  • Künstliche Befruchtung: Sollte es dann schließlich zum Kinderwunsch kommen, werden die Eizellen aufgetaut, künstlich befruchtet und in die Gebärmutter eingesetzt. Mehr Informationen über diesen Vorgang finden sich bei Seracell Freezing.

Risiken

In heutzutage eher unwahrscheinlichen Fällen kann die vorausgehende Hormonbehandlung zu Brechreiz, Gemütsschwankungen und Zunahme an Gewicht führen. In weniger als einem Prozent der Fälle kann es dabei auch zum sogenannten Überstimulationssyndrom kommen, auch bekannt als Ovarielles Hyperstimulationssyndrom. Dieses Syndrom wird in fünf Grade eingeteilt:

Bei einem milden Auftreten des Syndroms kommt es bei Grad 1 lediglich zu einem generellen Unwohlsein sowie ein Spannungsgefühl im Bauchbereich. Bei Grad 2 tritt eine Vergrößerung der Ovarien auf. Übelkeit und eventuell auch Erbrechen kommen zu den Symptomen von Grad 1 hinzu.

Bei einem mäßigen Auftreten des Syndroms befindet sich in Grad 3 frei bewegliche Flüssigkeit im Bauch. Sollte das schwer auftreten, so kommt es bei Grad 4 (in Addition zu vorherigen Symptomen) zu klinischen Hinweisen auf Aszites (Bauchwassersucht), Hydrothorax (Ansammlung von Flüssigkeit im Brustbereich) und Atemlosigkeit. Im schwersten und letzen Grad 5 kommt zu den anderen Symptomen noch schwere Dehydration, Verdickung des Blutes und Durchblutungsstörungen in der Niere und Blutgerinnungsneigung hinzu.

Dieses Symptom tritt nur etwa einmal in hundert Fällen auf und selbst dann müssen die schwereren Grade nicht erreicht werden. Informiere dich am besten bei deinem Haus- oder Frauenarzt über die Risiken und Folgen des Überstimulationssyndroms.

Das Recht der Selbstbestimmtheit

Selbst über den Zeitpunkt der Schwangerschaft zu bestimmen und dabei die biologischen Uhr auszutricksen ist beim Social Freezing ein Vorteil, der für viele reizvoll erscheint. Denn es ist unvermeidlich, dass die Fruchtbarkeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Dies hängt damit zusammen, dass der weibliche Körper mit einer bestimmten Anzahl von Eizellen geboren wird, die sich von Zyklus zu Zyklus verringert: Während es bei der Geburt des Mädchens noch rund 1-2 Millionen Eizellen sind, sind es in der Pubertät beim eintreten der Regel nur noch etwas 400.000. Das klingt vorerst nach einer ganzen Menge - allerdings verliert eine Frau pro Zyklus etwa 1000 Eizellen. Das bedeutet, dass der Vorrat an Eizellen pro Jahr um 12.000 schrumpft. Neigt sich dieser Vorrat dem Ende zu, so beginnt die Menopause.

Vor allem für berufstätige Frauen sind Karriere und Familie schwer vereinbar, wenn man beruflichen Erfolg anstrebt. Das Social Freezing stellt in diesem Fall eine gute Lösung dar. Auch Frauen ohne einen festen Partner müssen ihren Kinderwunsch nicht ad acta legen, sondern können sich ihre Optionen ganz ohne Druck offen halten.

Doch die Kosten sind hoch, denn zwischen 3500 und 4000 Euro müssen für die Medikamente und das Social Freezing einkalkuliert werden – ausgehend davon, dass ein einziger Zyklus der hormonellen Stimulation ausreicht. Hinzu kommen die Kosten für die Aufbewahrung der Eizellen sowie die Kosten für die anschließende künstliche Befruchtung.

Ein Eingriff in die Natur

Es lässt sich nicht leugnen, dass Social Freezing einen massiven Eingriff in den natürlichen Ablauf der Fortpflanzung bedeutet. Nicht nur der Zeitpunkt der Schwangerschaft wird künstlich bestimmt, auch der Vorgang des Schwangerwerdens wird durch die künstliche Befruchtung seiner Natürlichkeit beraubt. Zudem wird der weibliche Körper durch die Hormonbehandlung einer großen Belastung ausgesetzt, deren Notwendigkeit man persönlich abwägen muss.

Auch gibt es rechtlich noch keine Altersobergrenzen für das Social Freezing. Fakt ist jedoch, dass die Qualität der Eizellen mit steigendem Lebensalter immer weiter abnimmt: Bereits ab einem Alter von zwanzig Jahren nimmt die Fruchtbarkeit ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau über 40 Jahren schwanger wird, liegt bei < 5%. Je älter die Frau also bei der Entnahme der Eizellen ist, desto unwahrscheinlicher wird demnach eine Schwangerschaft. Doch auch eine Schwangerschaft selbst birgt im höheren Lebensalter Gefahren für Mutter und Kind – Komplikationen wie Bluthochdruck, Gestationsdiabetes oder Frühgeburten können deutlich häufiger auftreten, auch sind verschiedene Behinderungen geistiger und körperlicher Art möglich.

Wenn die Frau unter 35 Jahren ist, so liegen die Erfolgschancen einer Geburt nach dem Prinzip des Social Freezings bei etwa 40%, bei Frauen darüber bei etwa 30% und bei Frauen ab 40 ungefähr bei 10%. Dass du dann also wirklich ein Baby bekommst, ist nicht sichergestellt.

Das Risiko seitens der Kinder ist bislang schwer einzuschätzen. Es kann wie bereits eben erwähnt zu Behinderungen kommen, auch epigenetische Störungen sind theoretisch nicht ausgeschlossen. Bei einer Störung dieser Art werden die Erbinformationen geringfügig verändert, so dass Gefäßschädigungen und ähnliche Gendefekte auftreten können. Laut Studien allerdings zeigt sich bis dato keine erhöhte Anzahl Krankheiten, Behinderungen oder sonstige Beschwerden bei Anwendung von Social Freezing.

Fazit

Das Recht auf Selbstbestimmung ist unumstritten, wenn man Social Freezing auf eine Ebene mit hormoneller Verhütung und dem Recht auf Abtreibung stellt. Man kann sich aber fragen, ob Social Freezing nicht eher aus einem gesellschaftlichen Problem entstanden ist und dadurch mehr Folge als Lösung dieses Problems darstellt: die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie. Würden Wettbewerbssituationen entstresst, Arbeitsbedingungen verbessert und Arbeitsplätze familienfreundlicher gestaltet, würde Social Freezing für viele Frauen wohl nicht mehr in Frage kommen. Durch die Möglichkeit des Social Freezing wird der biologisch ideale Zeitpunkt für eine Schwangerschaft durch den gesellschaftlich optimalen Zeitpunkt ersetzt, was zwar einen weiteren Schritt in Richtung Gleichberechtigung bedeutet, gleichzeitig jedoch unbedingt kritisch hinterfragt werden sollte.

Doch jeder Fall ist individuell und jeder Beweggrund ist immer etwas anders und Social Freezing ist noch zu neu, um sich an allgemeingültige Aussagen zu wagen. Von daher ist es letzten Endes eine sehr persönliche Entscheidung für eine Frau, ob sie Social Freezing für sich nutzen möchte oder nicht.

Wenn du mehr über dieses Thema in Erfahrung bringen möchtest, sprich deinen Frauenarzt an. Dieser wird dir dann erklären, ob diese Methode für dich geeignet ist. Solltest du einen Partner haben, kannst du auch mit ihm oder ihr zusammen zum Frauenarzt gehen, damit ihr euch beide darüber aufklären lassen könnt.

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