Wintergedichte - Schnee und Eis

Über die Schönheit und Strenge des Winters haben viele Autoren sich ihre Gedanken gemacht und aufgeschrieben.

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Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.
Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.
Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

   — Georg Trakl
Der Winter

Der blaue Schnee liegt auf dem ebenen Land,
Das Winter dehnt. Und die Wegweiser zeigen
Einander mit der ausgestreckten Hand
Der Horizonte violettes Schweigen.

Hier treffen sich auf ihrem Weg ins Leere
Vier Straßen an. Die niedren Bäume stehen
Wie Bettler kahl. Das Rot der Vogelbeere
Glänzt wie ihr Auge trübe. Die Chausseen

Verweilen kurz und sprechen aus den Ästen
Dann ziehn sie weiter in die Einsamkeit
Gen Nord und Süden und Ost und Westen,
Wo bleicht der niedere Tag der Winterszeit.

Ein hoher Korb mit rissigem Geflecht
Blieb von der Ernte noch im Ackerfeld.
Weißbärtig, ein Soldat, der nach Gefecht
Und heißem Tag der Toten Wache hält.

Der Schnee wird bleicher, und der Tag vergeht.
Der Sonne Atem dampft am Firmament,
Davon das Eis, das in den Lachen steht,
Hinab die Straße rot wie Feuer brennt.

   — Georg Heym
Der erste Schnee

Der erste Schnee hat auf die weite Welt
Still über Nacht das weiße Tuch gebreitet,
Die Häuser sind wie weißes Zelt an Zelt,
Baum, Weg und Steg in schimmernd Weiß gekleidet.

Und wie ich so vom warmen Stübchen seh'
In's weiße Dorf und auf die weißen Auen,
Kommt über mich, mit tiefem Wohl und Weh,
Ein wacher Traum, ein helles innres Schauen.

Zum bunten Tuche wird das bleiche Feld,
Drauf Bild um Bild sich warm in Farbe malet,
Und einen Christbaum seh' ich aufgestellt,
Der buntbehängt, von Harze duftend strahlet.

Die Mutter steht und breitet Gaben aus,
Die Kinder sind im Kämmerlein gefangen
Und ängsten sich, ob nicht die Welt in Graus
Vergehen könnt', eh' sie den Christ empfangen.

Es ruft, der große Augenblick ist da,
Der Vater holt uns zu des Himmels Schwelle;
Wie leuchtet bei dem wonnevollen Ah!
Sein braunes Aug' in milder, warmer Helle!

Er ahnet nicht, wie bald er scheiden muß,
Als arme Waisen seine Kinder lassen.
Noch heute seh' ich, wie den letzten Kuß
Die Mutter auf die Lippen drückt, die blassen.

Das Leben eilt. Schon winkt ein heitres Bild,
Ein Kloster steht im Felsenthal geborgen.
Da blühen Knaben, frisch und gut und wild,
Gefüllte Knospen in des Lebens Morgen.

Sie öffnen sich am starken, reinen Strahl,
Geist strebt an Geist, im Tausche sich zu laben,
Und staunend fühlen sie zum ersten Mal,
Wie tief das Glück ist, einen Freund zu haben.

Wohl mir zum reichen jugendlichen Bund!
Ich bin nicht ich allein, ich habe Freunde!
Ich grüße fern, doch nah, mit Herz und Mund,
Ein fröhlich Glied, die fröhliche Gemeinde.

Und noch! Was keimt noch, will an's Tageslicht?
Was les' ich noch im bilderreichen Buche?
Der ersten Liebe selig Traumgesicht
Spinnt sich und webt auf meinem weißen Tuche.

Was steigt, was taucht blondlockig aus dem Schnee
Und blickt mich an mit klarem Kinderauge?
Komm, theures Haupt, daß ich in's Aug' dir seh',
Den lautern Quell, woraus ich Frieden sauge.

Im Busen weht es wie ein lauer Wind.
Thaut mir's im Auge? Will der Schnee zerfließen?
Kommt alle, kommt! Ein liebesehnend Kind
Will euch in seine treuen Arme schließen.

   — Friedrich Theodor Vischer

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